Benjamini – mein erster Bonsai-Freund

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Skizze BonsaiBis vor drei Jahren war mein Zimmer eine Zone, in der selbst Kakteen verdursten mussten.

Doch eines Tages überreichte mir mein Väterchen seinen Ficus und sprach die Worte „Pass gut auf ihn auf, Kind!“. Und da war er nun: Mein neuer Mitbewohner Benjamini.

Benjamini lebt sich ein

Benjamini und ich hatten es zu Beginn sehr einfach: Er saß auf seiner Fensterbank, nahm mir weder Durststrecken noch sumpfähnliche Zustände übel und ließ hier und da neue Triebe wachsen.

Wirklich viel hatten wir jedoch nicht miteinander zu tun, denn während ich für’s Studium lernte, mich erfolglos mit Pilates quälte oder in einer ruhigen Minute zeichnete, saß er immer nur rum. Nun gut, er war auch ein wenig älter als ich – die Interessen können da schon mal verschieden sein. 

Benjamini geht’s nicht gut

Irgendwann – er muss wohl Aufmerksamkeit gesucht haben – warf Benjamini fast alle seine Blätter hinab. Bevor mein Väterchen mir den Hals umdrehen konnte, fragte ich Onkel Google um Rat.

Bonsai verliert Blätter tippte ich ein und stellte als damaliger Pflanzen-Noob fest, dass Bonsai ja gar keine Baumgattung ist. Nicht lachen! Das ist auch sehr verwirrend gewesen, schließlich lagerten wir neben der Blumenerde auch Bonsaierde auf dem Balkon.

Ich fand heraus, dass Benjamini eine Birkenfeige ist und eigentlich aufgrund seiner Robustheit mühelos auch bei Besitzern wie mir überleben kann, er aber wohl quasi seine Erde ausgelutscht haben muss und nun Hunger hat.

Benjamini wird gerettet

Die Angst vor meinem Väterchen trieb mich an: Ich wagte mich in die Tiefen der ausgelutschten Erde, hob den fast kahlen Benjamini heraus, wechselte die Erde, stopfte ihn behutsam wieder hinein, stellte ihn an einen neuen Platz und flehte ihn an, bald wieder gesund zu werden.

Die Tage vergingen, Benjamini saß wieder nur rum. Kahl. Als ich schon fast die Hoffnung aufgegeben habe, da erblickte ich ein kleines Blatt. Es war so winzig und so hellgrün! Und trotzdem erfüllte mich dieses kleine Ding mit purer Freude. Mehrmals täglich besuchte ich ihn an seinem neuen Wohnsitz auf einem tiefen Schrank. Das kleine Blatt wurde bald größer und auch andere winzige Blätter begannen zu sprießen. Schön ist die Welt gewesen!

Benjamini mit Update

Nach mehreren Wochen, als ich wusste, was Bonsai ist und als Benjamini wieder fit war, wagten wir es: Ein Umstyling! Ohne Draht, sondern mit Haargummis, brachte ich ihn in eine neue Lage und verpasste ihm einen neuen Schnitt.

Gut sah er aus und durch seine robuste Art steckte er die teilweise doch recht grobe Behandlung sehr gut weg.

Leb‘ wohl, Benjamini

Es war soweit: Ich reiste für knapp zwei Wochen nach Südkorea! Morgens um 4:00 verließ ich meine Wohnung, verabschiedete mich von Benjamini leise, der noch hinter zugezogenem Vorhang schlief.

Er war versorgt. Jemand würde bereits in einigen Stunden kommen, ihm die Vorhänge aufreißen und die kommenden Tage mit Wasser versorgen. Mit leichtem Herzen genoss ich die südkoreanische Küche, entdeckte die schönen Straßen Seouls, begrüßte einheimische Bäume und blickte mit Buddha in die Ferne.

Als ich nach zwei Wochen Heim kehrte, meinen Koffer im Flur stehen lies und direkt auf Benjamini zusteuerte, rutschte mir das Herz in die Hose.

Da saß er. Hinter zugezogenem Vorhang, in klitsch nasser Erde, die Blätter wieder hinab geworfen – diesmal alle. Es half kein Trocknen, kein Umtopfen. Benjamins Wurzeln waren morsch, die Äste tot. Nach einem Monat konnte ich seinen leblosen Stumpf nicht mehr ansehen und schaffte ihn fort – meinen ersten Bonsai-Freund.

Jetzt aber mal Klartext, bitte!

Benjamini gab es wirklich und er ist tatsächlich das erste Bäumchen, das mich Bäumchen lieben lehrte. Leider hat die Urlaubsvertretung meinen massiven Vorhang nicht beiseite gezogen, Benjamini jedoch alle zwei Tage gegossen. Das hat ihm letzten Endes die Wurzeln zerstört.

Obwohl es „nur“ ein Baum ist, war ich wirklich sehr traurig (und ein wenig wütend, aber die Person hat es ja nicht absichtlich getan). In meiner Verzweiflung habe ich einen letzten Ableger genommen, denn es war nur noch ein einziges Blatt an dem Baum – jedoch vergebens.

Da mit Benjamini mein Interesse für Bonsai geweckt wurde, besorgte ich mir einige Zeit später einen neuen Baum. Mittlerweile sind es fünf. Haargummis biegen sie nicht mehr zurecht, aber sie werden mit mindestens genauso viel Liebe Aufgezogen.

Benjamini

Kategorie: Storytime
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